Leseproben


Alle Texte unterliegen meinem Copyright.



-MELANCHOLIE-
     -KAPITEL 1-     

Ich blicke hinab in die Tiefe des Grabes und spüre mehr und mehr die unerträgliche Verzweiflung, die sich in meiner zerbrochenen Seele ausbreitet, und wie Feuer in meinem Herzen brennt. Wie tausend Nadelstiche, die tiefer gehen, als jede Angst. Tiefer gehen, als jeder Schmerz, den man sich vorstellen kann. Die Menschen in ihren Anzügen verschwimmen zu schwarzen Klecksen, während ich wiederum gegen die Tränen kämpfe. Meine goldbraunen Haare schimmern im starken Sonnenlicht und ich lege sie mir aus dem Nacken. Die stickige Luft und der Duft von Weihrauch vermischen sich und geben mir ein bedrängendes Gefühl. Früher hatte ich Angst vor dem Tod. Mein Vater sagte mir immer, nur die Besten sterben jung. Nun weiß ich, er hatte Recht.
Ich wische mir mit einem durchnässten Taschentuch die Tränen aus den Augen und nähere mich schwankend dem Grab. In der einen Hand die Rose und in der anderen Hand die beiden Glückskastanien, die meine beste Freundin Sunny und ich immer bei uns trugen, seit sie uns an einem Spätsommertag auf den Kopf fielen, als wir uns über die Eichhörnchen unterhielten, die den kleinen verlassenen Park hinter der Klinik, lebendig wirken ließen.
Ich starre in die Tiefe und stelle mir vor, wie durch die Sonne der Gestank nach Verwesung so gestärkt wird, dass wir ihn alle riechen können. Sie wird nie wieder so duften, wie ich es in Erinnerung habe. Doch ich weiß, dass ihr Geruch nach Vanille und Zimt mich mein Leben lang verfolgen wird.
In Gedanken versunken und geistig abgeschnitten von meiner Umgebung, lasse ich mich auf die Knie sinken. Das Einzige, was ich spüre, sind die warmen Wassertropfen, die mir aus den Augen laufen, mir auf den Handrücken fallen und in der Sonne glitzern. Meine Hände zittern stark und ich spüre eine warme Hand auf meiner Schulter, die mir Halt gibt.
   Der Priester hält seine Rede und ich begreife nur die Worte Tod und Leiden. Ich bin abgegrenzt von all dem Geschehen um mich herum, sodass mein Vater mir einen leichten Schubs gibt, um mich darauf hinzuweisen, dass ich noch ein paar Worte sagen darf. Verzweifelt greife ich das Mikrofon des Priesters und spreche die einzigen Worte hinein, die mir wie Steine im Magen liegen.
   »Meine liebe Sunny. Ich wünsche mir, dass es dir an jedem Ort, an dem du nun für lange Zeit verweilen musst gut geht, und du deine Träume leben kannst, so wie du es dir gewünscht hast. Du warst das Beste, was mir je passiert ist und ich habe noch keinen Weg gefunden, der es ohne dich erträglich macht. Aber ich gebe nicht auf, hörst du. Ich tu das nur für dich.«
   Der Priester nimmt sein Mikrofon wieder an sich und predigt, während ich mich mit tränenübergossenem Gesicht in das Grab beuge und durch den hölzernen Sarg zu ihr spreche. »Bitte vergiss mich nicht«, flüstere ich und lasse eine der Kastanien aus meiner eiskalten Hand fallen. Sie prallt mit einem dumpfen Knall auf dem Sarg auf und verharrt in der Höhe ihrer Hände. Ich stelle mir vor, wie sie lächelt, während sie meine Stimme sanft zu sich sprechen hört und die Kastanie fest mit ihren zarten Fingern umschlingt, als wäre es ein Teil meines Herzens, den ich ihr bereits vor sehr langer Zeit geschenkt habe.
   Meine Gliedmaßen fühlen sich gefroren an und schränken meine Bewegungen ein. Ich halte immer noch den Kopf in die Tiefe und lasse einen Arm hinunter baumeln. Ich will den Sarg berühren, will sie berühren. Doch mein Vater fasst mich an den Schultern und zieht mich vorsichtig in die Höhe. Meine Knie sind weich und es fällt mir schwer alleine zu gehen. Er stützt mich und wir schaffen ein paar Schritte. Die warme Hand meines Vaters streichelt meine kühlen Wangen und er redet ruhig auf mich ein, doch ich kann keines seiner Worte realisieren. Alles schwebt weit über mir. Lautlos, leblos, tot. Ich lasse meinen Kopf zur Seite kippen. Die salzigen Tränen reizen meine Augen, doch ich schaue stur zu den Arbeitern herüber, die nur darauf warten das Grab zuzuschaufeln. Das Grab, in dem meine beste Freundin liegt und nach einiger Zeit von Maden zerkaut wird. Bei dem Gedanken wundert es mich, dass ich nicht einmal mehr Übelkeit empfinden kann. Ich fühle nichts, in mir ist alles leer und verdorben.



-THE BOY WHO KNOCKED ON MY DOOR-
          -AUSSCHNITT KAPITEL 1-

Ich habe keine Ahnung, wie ich überlebt hatte.
Es war nun fast ein Jahr her. Seit fast einem Jahr wandelte ich mehr oder weniger realitätsfern durch die Welt. Das Essen schmeckte nicht mehr, die Fernsehsendungen waren nicht mehr witzig und meine Nase hätte ich mir manchmal am liebsten mit Säure verätzt, weil mich viel zu viele Gerüche an ihn erinnerten. 
Er war die Liebe meines Lebens. Vielleicht sind einige von euch der Meinung, dass man das mit zweiundzwanzig noch nicht behaupten kann, weil das Leben im Durchschnitt noch mindestens fünfzig Jahre dauern sollte, aber er war es. Und wenn er es eigentlich nicht gewesen wäre, dann hatte das ungerechte Leben dafür gesorgt, dass er zu dieser wurde. Denn wenn du jemanden, den du liebst auf diesem Wege verlierst, wirst du dich nicht einfach entlieben können. Es wird nicht einfach in drei Monaten jemand kommen, der besser oder schöner oder freundlicher oder liebevoller ist. Du wirst diesen Menschen ein Leben lang in deinem Herzen tragen, weil du gar keine andere Wahl hast, als ihn ewig zu lieben. Keine Liebe kann größer sein, als die, die du zu einem Menschen hast, der dir vor der Nase weggerissen wird. Und zwar nicht einfach von einer anderen Frau oder einem Auslandssemester, sondern vom Tod. 
Dieser Mensch wird immer der Eine sein. Ein Mensch, mit dem es kein anderer mehr aufnehmen kann, weil er das Ultimative ist, das Perfekte. Jemand, der immer auf einem hohen Sockel stehen wird, den du anbetest und vergötterst und für den du dein eigenes Leben aufgeben würdest, um bei ihm zu sein. Wenn es eine Garantie dafür gäbe, dass ich durch den Tod wieder mit ihm zusammen hätte sein können, dann hätte ich mich wahrscheinlich schon umgebracht. Aber obwohl ich ihn so unbegreiflich liebte, war ich viel zu feige, mir selbst etwas zu nehmen, was mir auf wundersame Weise geschenkt wurde. 

Der Tod meines Freundes hatte mir gezeigt, dass das Leben viel zu schnell vorbei sein konnte. Ich hatte nur bisher keinen Weg gefunden, mein Leben ohne ihn in die Hand zu nehmen.



-THE DEVIL INSIDE-
        -KAPITEL 1-        

Die Flammen der roten Kerzen werfen tanzende Schatten auf die Wände meines kleinen Zimmers. Ich schaue dem Lichtspiel zu und lächle zufrieden. Ich bin gefangen in diesen vier Wänden, doch ich fühle mich frei. Freier als je zuvor. Ich fühle mich frei von Sünden und frei von der Versuchung. Sie haben mich gesund gemacht. In zwei Monaten dürfen sie mich entlassen, sagen sie. Aber eigentlich will ich gar nicht weg. Ich will nicht zurück in die Welt, die mich zu dem gemacht hat, gegen das ich bis zu dem jetzigen Zeitpunkt kämpfe...


1.

Am liebsten hätte ich auf etwas eingeschlagen, eine solche Wut entfachte dieser Mensch in mir. Mehr als drei Jahre hatte ich mit dem Mistkerl verbracht, der mich jetzt, mir nichts dir nichts, einfach sitzen ließ. Tränen stiegen mir in die Augen, als seine Sätze immer wieder in meinem Kopf nachhallten. Noch einmal rief ich ihn an, wartete auf die Ansage der Mailbox und brüllte in das Telefon. Dann legte ich auf, warf es gegen die Wand und schrie dabei so lange, bis mein Hals vor Schmerzen brannte. Ich stand auf, warf mein Kissen durch das Zimmer, trat gegen die Matratze, bis meine Muskeln irgendwann so wehtaten, dass ich nichts mehr tun konnte, als mitten im Zimmer zusammenzusacken.
   »Malina, das mit uns passt einfach nicht mehr«, hatte er zu mir gesagt. Ohne jegliche Vorwarnung beendete er alles, wofür ich die letzten Jahre so viel geopfert hatte. Ich hatte ihm sogar einen Seitensprung verziehen, weil wir das perfekte Paar der Schule abgegeben hatten. Wir konnten uns nicht selbst so bloßstellen. Wir wären beide auf der Beliebtheitsskala gesunken. Ich vergrub die Finger in meinen Haaren und atmete schwer. Jetzt war wirklich alles verloren.
   »Die Entfernung ist einfach zu groß, bleib bitte realistisch«, versuchte er mir klarzumachen, während in meinem Kopf eindeutig Alarmstufe Rot herrschte. Ich war froh gewesen, dass ich während dem Telefonat noch gewusst hatte, wie ich hieß, so leer hatte ich mich gefühlt.
   Keuchend rang ich auf dem Boden nach Atem. Die Tränen flossen nun hemmungslos und ein paar gequälte Laute entrannen meiner brennenden Kehle. Ich drehte den Kopf zu meinem Wandspiegel und mein Anblick versetzte mir einen Schrecken. Was war in so kurzer Zeit aus mir geworden?
   Als ich es wieder schaffte aufzustehen, wischte ich mir mit dem Pullover die Tränen ab und ging langsam die Treppe herunter. Erschöpft und gekränkt schlurfte ich durch das Wohnzimmer um meine Jacke zu holen, die auf dem Esstisch lag. Beinahe hätte ich meine Mutter auf dem Sofa übersehen, wenn sie nicht gerade dahinter hervorgeschaut hätte, unschuldig wie ein Lamm.
   »Malina, was machst du hier?«, sagte sie erschrocken und zog sich die Träger ihres Push Up BHs wieder über die schmalen Schultern. Ihre roten Locken waren zerzauster als sonst und der Lippenstift hatte seine Form verloren. Ich seufzte.
   »Zufällig wohne ich hier, Mutter«, antwortete ich kopfschüttelnd und fragte mich, ob sie mein Geschrei tatsächlich hatte überhören können.
   »Gut«, sagte sie leise. »Ich bin beschäftigt. Mit Hermann. Und übrigens«, erzählte sie, während sie sich eine Locke aus der Stirn pustete. »Dein Dad hat gestern Abend angerufen.« Ich schüttelte den Kopf als ich mir Gedanken darüber machte, dass schon wieder ein neuer Mann unter ihr Platz gefunden hatte und dass sie sich scheinbar gar nicht dafür schämte, dass sie mitten im Wohnzimmer mit ihm zu Gange war.
   »Und das sagst du mir erst jetzt?«, sagte ich nach einer Weile verständnislos. Sie zuckte nur mit den Schultern und schürzte die Lippen. Die Jacke hatte ich längst wieder vergessen, als ich zurück nach oben stapfte um meinen Vater zurückzurufen.
   In meinem Zimmer durchwühlte ich meine Handtasche und holte mein Handy heraus. Mit einem nervösen Gefühl im Magen wählte ich die Nummer meines Vaters und hoffte, dass er abheben würde. Immer wenn ich mit ihm sprach war er mir so fremd, aber gleichzeitig so nah, wie es derzeit nur möglich war. Ich vermisste meinen Vater schrecklich, aber scheinbar war ich hier, mit Ausnahme meiner kleinen Schwester, die einzige, die das tat.
   Als er vor einiger Zeit ein Angebot aus Lyngston bekam, um mit seiner Immobilienfirma vollends durchzustarten, nahm er es an und baute uns eine kleine Villa mit Pool in San Prudy. Ich weiß, er hatte es gut gemeint und wollte, dass wir Kinder ein schönes Zuhause hatten. Vor allem, da ich mich entschieden hatte, nach dem Abitur ebenfalls in San Prudy zur Uni zu gehen. Aber dass meine Mutter mich vorher auf eine Schule im Sozialviertel schicken würde, dass hatte ich erst bemerkt, als ich dort ankam. Meine Mutter war nie eine wirkliche Mutter gewesen, aber seit unser Vater sich seinem Beruf verschworen hatte, war sie noch schlimmer geworden. Sie tat Dinge ohne sich darüber zu informieren, oder kaufte Dinge, ohne dass sie jemand brauchte. Deswegen hatte sie wahrscheinlich auch nicht darauf geachtet, in welcher Schule sie mich anmeldete. Zugegeben, ich hätte mich in meinem Alter auch selbst darum kümmern können, aber wenn die Eltern einen vorher auf einer Privatschule verfrachtete hatten, geht man davon aus, dass sie das Beste für jemanden wollen. Es hätte wohl auch niemand erwartet, dass es neben unserem gutgestellten Viertel, in dem mein Vater uns die Villa gebaut hatte, um uns anschließend dort alleine zurückzulassen, einen so miesen Stadtteil gab. Und ebenfalls hätte keiner gedacht, dass ich dort so große Probleme bekommen würde. Mein Vater wusste von den schlechten Verhältnissen zu meinen Mitschülern, aber er interessierte sich wohl nicht sonderlich dafür. Immerhin hatte er in den letzten drei Wochen nicht einmal angerufen. Von den Affären meiner Mutter wusste er mit Sicherheit auch nichts, aber ehrlich gesagt, bezweifelte ich, dass er ihr in Lyngston treu blieb.
   »Daddy«, hauchte ich ins Telefon, nachdem das Freizeichen verschwunden war. Mit feuchten Augen biss ich mir auf die Unterlippe.
   »Malina, meine Kleine, wie geht es dir?«, fragte er. Doch es klang irgendwie beiläufig, als tränke er nebenher eine viel wichtigere Tasse Kaffee mit einer viel zu knapp bekleideten Sekretärin. Ich ballte die freie Hand zur Faust und presste sie gegen meinen Mund.
   »Nicht so gut, Dad. Ich will hier weg«, flüsterte ich und knabberte auf meinen Fingerknöcheln herum. »Ich hab Probleme in der Schule und...« Er unterbrach mich mit einem tadelnden Seufzen.
   »Malina, das Thema hatten wir schon mal«, sagte er und klang desinteressiert. Ich legte mir die Faust gegen die Stirn. »Sei einfach du selbst, dann wird das schon.«
   »Aber das ist ja gerade das Problem, Dad. Sie hassen das, was ich bin!«, kreischte ich und stampfte wütend mit dem Fuß auf. »Sie bedrohen mich, Dad, das kannst du doch nicht einfach zulassen.« Meine Stimme brach. Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit ihm zu reden. Meine Eltern waren mit Geld großgeworden und uns konnten sie meist auch nicht mehr als das entgegenbringen. Sie dachten wohl, wenn man sich alles leisten kann, ist der Rest nur noch Nebensache. Aber Schulprobleme waren mit Geld nicht zu lösen.
   »Malina, bitte, du übertreibst«, sagte er und ich hörte weit weg einen Stuhl quietschen. Ich wartete drauf, dass er weitersprach, aber es kam eine Weile nichts. Dann hörte ich, wie er das Wort leise an jemanden richtete, der mit ihm im Raum war und ich ließ das Handy sinken. Ich betrachtete den Bildschirm und hörte einige Zeit später, wie er ein paar Mal meinen Namen rief. Dann legte ich auf. Ich warf das Handy aufs Bett und mich geradewegs hinterher. So alleingelassen wie in diesem Moment hatte ich mich lange nicht gefühlt. Ich wollte doch bloß in seiner Nähe sein. Ich wollte, dass mein Vater sich für mich interessiert. Aber seit meine Eltern nicht mehr zusammen in einem Haus lebten, bestand wenig Hoffnung auf seelischen Luxus. Froh darüber, dass wenigstens meine Schwester Mimy gut damit umgehen konnte, presste ich meine feuchten Augen in die Kissen und umschlang mich mit meiner schwarzen Seidenbettwäsche. Sie kühlte meine nackten Waden und ich sog den Duft unseres Waschmittels ein, welches Mum noch nie gewechselt hatte. Es erinnerte mich an die unbeschwerte Kindheit, die ich mal hatte. Da zählten für mich wirklich nur Spaß, Geld und schöne Kleider. Alle Kinder hatten mich gemocht. Das fing schon im Kindergarten an und blieb bis zu unserem Umzug so. Wieso suchen einen so viele Probleme heim, nur weil man sein gutgebautes Nest verlässt?

   Irgendwann hatte ich genug vom Weinen und versuchte wieder zu dem Mensch zu werden, der ich eigentlich war. Tränen und Schwäche hatte ich vorher nie zu meinen Begleitern werden lassen.
   Ich katapultierte den Schlüsselanhänger meines Vaters, der aus dem Umriss von San Chotic bestand, hinter meinen Kleiderschrank, steckte den restlichen Schlüsselbund in die kurze Hose und begab mich an die frische Luft. Die Abendsonne hing tief am Himmel und es dämmerte. Ich mochte es, wenn es draußen langsam dunkel wurde. Es roch dann noch viel mehr nach Spätsommer als am Tage und es war auch nicht mehr so drückend heiß. Mein Vater saß jetzt sicherlich wieder über seiner Arbeit, notierte sich irgendwelche Dinge und trank dabei seinen Cappuccino. Ich wusste es genau, weil er seit Jahren nichts mehr anderes während der Arbeit trank. Und während seine jungen, hübschen Mitarbeiterinnen sein Geschirr spülten und ihm den Stuhl zurechtrückten, vergaß er seine Familie.
   Ich ging den Feldweg entlang, der von unserer Villa in eine andere Straße führte. Nach einer viertel Stunde war das Paradies zu Ende und ich wusste wieder, neben welchem Viertel der Stadt wir uns befanden. Je tiefer man in diesen Ort kam, umso mehr spürte man die Armut und die Traurigkeit der Menschen, die dort lebten. Der Spielplatz, an dem ich jeden Morgen vorbeiging, war ein einziges Trauerspiel. Die Schaukel knarzte im Wind und die Farbe blätterte an den Stangen ab. An jeder Ecke war Rost zu sehen und die Mülleimer quollen über. Überall herrschte Stille. Selbst die Vögel pfiffen nicht, sondern flogen lustlos von einem Baum zum anderen. Mit gesenktem Blick setzte ich meinen Weg fort und reflektierte den heutigen Tag. Mein Freund hatte mich verlassen, meine beste Freundin ging nicht an ihr Telefon, mein Vater hatte keine Zeit mehr für uns und meine Mutter vögelte irgendeinen alten, faltigen Callboy auf unserem Sofa. Ich wusste gar nicht, was mir am meisten wehtat. Meine Gedanken drehten und wendeten sich und ich kam zu keinem Entschluss. Mein Leben war total aus den Fugen geraten und ich musste damit irgendwie alleine zurechtkommen.
   Ich verlor den Faden, als ich etwas entfernt ein paar bekannte Stimmen hörte. Erschrocken blickte ich auf und erkannte schon von Weitem, wer auf mich zukam. Ich wusste nicht, was sie hier taten und mit Sicherheit war es ein Zufall, aber das änderte nichts daran, dass ich Angst hatte. Vanessa, eine der mich mobbenden Mädchen meiner Schule, war mit ein paar anderen unterwegs und sie kamen entschlossenen Schrittes auf mich zu, als eine von ihnen mit dem Finger auf mich zeigte. Sie kamen näher und näher und mein Puls stieg massiv an. Ich hätte wegrennen können, aber ich wusste, dass sie mich einholen würden. Ich war noch nie wirklich sportlich gewesen, auch wenn ich mit einer schlanken Figur gesegnet war. Ich sah mich nach jemandem um, der mir helfen konnte, aber es war nun fast dunkel und mehr als ein paar im Wind raschelnde Sträucher konnte ich weder sehen noch hören.
   »Na, wen haben wir denn da?«, flötete eine kleine Pummelige mit fettigen Haaren und aufgeschürften Fingern. Ich war mindestens zwei Köpfe größer als sie und dennoch hatte ich Respekt vor ihr. Sie kam mir immer näher und mit starrem Gesichtsausdruck ging ich rückwärts und stieß irgendwann an einen Gartenzaun. Meine Augen weiteten sich vor Angst und ich hielt die Luft an, als Vanessa, die große Schlanke sich ebenfalls vor mir aufbaute. Eine Dritte mit langen schwarzen Haaren und Schmolllippen stand ein Stück weiter hinten und spielte sich an ihrem Bauchnabelpiercing, während sie genüsslich ihren Kaugummi mit der Zungenspitze hin und her rollte. Vanessa tippte mir fest mit dem Finger unters Schlüsselbein und rein aus Reflex legte ich mir danach eine Hand schützend davor. In ihren Gesichtern wuchs ein Grinsen und plötzlich packte Vanessa mich an der Kehle. Erschrocken schluchzte ich und spürte das stumpfe Ende eines Zaunpfahls in meinem Genick. Mein Körper begann zu zittern und ich kniff die Augen zusammen, als ich jeden einzelnen ihrer Fingerkuppen an meinem Hals spürte. Ich konnte nicht mal mehr schlucken.
   »Ich habe dir schon mal gesagt, es wäre besser, wenn du dich endlich von hier verpisst«, knirschte Vanessa und in ihren Augen schimmerte etwas Böses. Ich verzog das Gesicht und versuchte trotz ihrer zudrückenden Hand meinen Hals zu drehen.
   »Nichts würde ich lieber tun, als das«, presste ich mit aller Kraft hervor. Ich hörte die kleine Dicke lachen und hätte sie am liebsten getreten. Am liebsten hätte ich um mich geschlagen, gezeigt, dass sie das mit mir nicht machen können, aber ich war einfach zu feige. Mit solchen Situationen war ich nie zuvor konfrontiert worden. Meine Eltern hatten mich mit ihrem Wohlstand ständig in Watte gepackt und auf die beste Privatschule San Chotics geschickt. Dort wäre mir so etwas nicht passiert. Dort war ich so etwas wie ein It-Girl. Jeder wollte mit mir befreundet sein. Meine Eltern hatten mich in ein Universum geworfen, in dem Markenklamotten, Geld und schöne Haare einen Scheiß wert waren. Und ich kannte mich nicht damit aus.
   Während ich innerlich zu beten und flehen begann, bemerkte ich gar nicht, wie sich eine Gruppe Jungs näherte. Meine Hoffnung versiegte, als ich eine Stimme davon auflachen hörte. Ich war verloren, ohne jeden Zweifel. Doch dann lockerte sich plötzlich Vanessas Griff um meinen Hals und meine Augen öffneten sich reflexartig in dem Moment, als sie von einem großen und schmächtigen Typen mit Irokesenschnitt weggezerrt wurde. Sie verlor den Halt und knickte mit dem Fuß um, fiel geradewegs auf das Pflaster. Das Biest mit dem Bauchnabelpiercing stöckelte zu ihr hin und half ihr auf, während die Pummelige nur dumm und erstaunt aus der Wäsche guckte. Ich selbst klammerte mich am Gartenzaun fest und hatte den Moment verpasst, wegzurennen.
   Ich spürte mein Herz so heftig klopfen, dass mir dabei richtig übel wurde. Die Mädchen diskutierten lautstark mit den Jungs, doch ihre Augen wanderten immer wieder zu dem Einen, der abseits stand. Seine eisblauen Augen drückten keinerlei Wärme aus, er schien unerreichbar und eine Narbe, die sich durch seine linke Augenbraue zog, verlieh ihm irgendwie Stärke. Obwohl ich für kurze Zeit von meinem Befinden abgelenkt war, verlor ich doch meine Kraft. Schwindelnd sank ich am Zaun herab und ging in die Hocke. Mein Hals brannte und aus meinen Augen liefen unkontrollierbare Tränen, welche ich bis zu dem Zeitpunkt nicht mal wahrgenommen hatte.
   »Alles okay mit dir?«, fragte mich jemand. Ich wollte nicken, konnte aber nicht. Ich versuchte gleichmäßig zu Atmen und zur Ruhe zu kommen. Ich hörte, wie ein paar der Jungs die Mädchen verscheuchten.
   »Hey«, versuchte er es wieder und rüttelte zärtlich an meiner Schulter. Da blickte ich hoch und erkannte die roten aufgestellten Haare des Punks. Ich hatte noch nie jemanden mit einem so hohen Irokesen gesehen. Er hatte Hundeaugen, richtig tiefbraune, worin ich eine richtige Wärme erkannte, obwohl ich etwas verschwommen sah. Ich kniff die Augen zusammen und lächelte bei seinem Anblick zaghaft, dann schaffte ich es ihm zuzunicken.
   »Ich glaube, sie ist okay«, rief er den anderen zu. Ich folgte langsam seinen Blick und merkte, dass sich mein Hals endlich wieder ein wenig entspannte. Tief holte ich Luft und hustete anschließend einige Male, aber es wurde besser. Einen Augenblick später kam der Junge mit dem kalten Blick auf uns zu und ging vor mir in die Hocke. Beschämt wand ich meinen Blick von ihm ab. Alle standen um mich herum wie vor einem seltenen Tier.
   »Was wollten die von dir?«, fragte er und ich war gebannt von seiner dunklen, etwas rauchigen Stimme. Kurz vergaß ich zu antworten.
   »Ehm, ja...«, begann ich daraufhin, schluckte kräftig, was mir dann doch wieder Schmerzen bereitete. »Also, ich bin eigentlich nicht von hier«, versuchte ich den beiden zu erklären. Sie nickten.
   »Das geht schon die ganze Zeit so«, erzählte ich weiter und strich mir mein langes blondes Haar aus dem Gesicht. »Seit meinem ersten Schultag. Seit etwa einem Monat.« Der Schwindel ließ langsam wieder nach.
   »Dass du nicht von hier bist sieht man. Beziehungsweise nicht aus diesem Teil der Stadt«, sagte der eine und sein Blick wurde etwas weicher, da sich en Lächeln durch sein Gesicht stahl. Dabei erhaschte ich einen Blick auf seine Zähne. Obwohl sie gepflegt aussahen, fehlte dem rechten Schneidezahn ein kleines Stück. Irgendwie hatte dies etwas Charmantes.
   »Ich wollte in San Prudy auf die Uni, wusste aber nicht, dass mein Vater uns auf der falschen Seite der Stadt raus ließ«, sagte ich und jetzt wanderten sogar meine Mundwinkel wieder nach oben. »Er hat uns hier ein Haus gebaut.«
   »Dein Vater lässt euch ein Haus bauen? Wow, davon träumen hier wohl so ziemlich alle«, sagte der Junge mit dem Irokesenschnitt und schob anerkennend seine Unterlippe vor. »Seid ihr reich oder so was?«
   Ich seufzte schwer. »Ich benutze das Wort nicht gern, aber ja, so könnte man es sagen.« Ich versuchte aufzustehen und prompt hielt mich der Junge mit den kalten Augen am Arm fest und gab mir den nötigen Halt.
   »Kein Wunder, dass sie dich hassen«, schnaubte er währenddessen und als er mich losließ, ließ ich den Kopf wieder sinken.
   »Das ist doch kein Grund jemanden so zu behandeln«, schnaubte ich und er berührte meine Hand mit seiner.
   »Natürlich nicht. Aber sie machen es sich zum Grund«, erklärte er wissend und dann hielt er mir seine rechte Hand hin, während er die Fingerspitzen der anderen nicht von meiner Hand abließ. »Ich bin Theo.«
   »Malina«, sagte ich und schüttelte ihm die Hand.
   »Und ich bin Billy«, sagte der Punk und auch wir begrüßten uns mit einem Lächeln. Danach halfen die beiden mir wieder auf die Beine und ich strich mir den Dreck von der Hose.
   »Ich danke euch, Jungs, ehrlich«, sagte ich aufrichtig. Die beiden nickten nur und warfen einen Blick zu ihren beiden Freunden, die sich inzwischen etwas abgesondert hatten. Der eine davon tippte sich auf die Armbanduhr und ich verstand.
   »Ich möchte euch nicht länger aufhalten«, sagte ich und setzte zum Abschied an.
   »Wenn du mal wieder Probleme haben solltest, findest du uns an den großen Treppen zur Sporthalle. Du gehst doch hier um die Ecke zur Schule, oder?«, rief Billy mir noch zu, bevor ich wieder auf dem Feldweg verschwand, von dem ich gekommen war. Ich drehte mich noch einmal zu ihm um und nickte eifrig. Dann winkte ich und setzte meinen Weg fort. Dass sie für meine Schule viel zu alt wirkten, fiel mir erst später auf. Aber die Hoffnung, nicht mehr alleine zu sein, war viel größer und wichtiger und streckte ihre wärmenden Arme nach mir aus. Ich wusste zwar nicht, ob die Jungs ihr Wort halten würden, aber für heute war ich noch mal davongekommen. Den ganzen Nachhauseweg wünschte ich mir, ich hätte mir eine dünne Jacke mitgenommen. Der Wind war kühl und eine Gänsehaut breitete sich über meinen nackten Armen aus, was allerdings auch der Nachklang meines kleinen Zusammenbruchs Schuld sein konnte. Ich rieb meine Handflächen darüber und atmete tief durch. Mit den Gedanken an eisblaue Augen, die mir zu Hilfe eilten, würde auch der morgige Schulweg nur noch halb so schlimm werden. Ein Lächeln überraschte meine Lippen und darüber hätte ich fast die Trennung von meinem Ex vergessen. Fast.



-EVELYNNE AND THE HONEYBEAR-
                       -KAPITEL 1-

Jede Familie hat ihre Geheimnisse. Aber meine hatte nicht nur sprichwörtlich eine Leiche im Keller. 
Meine Mutter, sie hieß Justine und sie hatte dunkelrot gefärbte Haare, die von der wenigen Pflege schon ganz verfilzt waren. An diesem einen Morgen hatte ich sie ganz genau beobachtet. An dem Morgen, an dem meine Welt sich in die falsche Richtung zu drehen begann, alles unbekannte Farben und Formen annahm und mir etwas weggenommen wurde, was ich niemals wiederbekäme. Eine unschuldige Kindheit und einen Vater, der mich liebte.
Ich hatte jetzt Derek, keine Frage, und er war mit den Jahren auch wirklich wie ein Vater für mich geworden. Aber sein Blut floss nicht durch meine Adern und er verstand mich auch nicht blind. Ich musste ihm immer sagen, was ich dachte und fühlte, weil er es alleine nicht herausfand, aber das nahm ich ihm gar nicht übel. Mit Gefühlen tat er es sich ohnehin schwer, aber wenigstens wusste er, wie man ein Kind großzog, behütet und fürsorglich. Dafür allein werde ich ihm ewig dankbar sein.
Doch nun wanderte ich durch Straßen, die ich nicht kannte, schlug Wege ein, die nirgendwohin zu führen schienen und atmete die heiße Sommerluft ein, die meinen Körper erdrückte. Meine Haare klebten mir in der schweißgetränkten Stirn, die Tasche auf meiner Schulter wurde immer schwerer und schwerer, als würde ich Blei mit mir herumschleppen. Der Kopf meines Honigbären guckte aus dem Reisverschluss.
Ich wusste nicht, wohin ich wollte, ich war einfach vor zwei Tagen losgefahren. Ich bin in Pinkdale in den Bus gestiegen und immer weiter Richtung Osten gefahren. In Talorma war ich ausgestiegen und enttäuscht darüber, dass es immer noch genauso heiß, genauso ausgetrocknet und genauso eintönig aussah, wie zuhause.
Zuhause. Ein Wort, das ich in dem Zusammenhang wirklich selten gebrauchte, aber ja, irgendwie waren Derek und seine Tochter Mona ein Zuhause für mich geworden. Trotzdem brauchte ich einfach mal andere Luft, denn egal wie viel Zeit verging und zu wie vielen Ärzten mich Derek schleppte, ich bekam die Bilder nicht aus meinem Kopf. Jede Nacht hatte ich Alpträume, jeden Tag diese Flashbacks und immer diese andauernde Wut in mir, die ich durch nichts vertreiben konnte. 
Eine Luftveränderung würde mir gut tun, hatte ich gedacht. Ob ich das wirklich glaubte, war eine andere Sache, aber wenn ich es nicht versuchte, konnte ich auch nichts daraus lernen. Also tat ich es. 
In Talorma hatte sich die Luft nur eben nicht verändert und ich hatte sowieso nicht vor, zwei Stunden entfernt meine Zielflagge einzustecken. Und so setzte ich meine Reise fort. 
Die weitere Strecke legte ich zu Fuß zurück und da wären wir nun auch an dem Punkt angelangt, an dem ich eben angefangen hatte. Zwei Tage. Ich war jetzt zwei Tage unterwegs und hatte ein Waldstück erreicht, das mich in etwa hundert Metern vor dieser gleißenden Sonne schützen konnte.
Nachdenklich wanderte ich durch die Bäume hindurch, machte mir das Laufen extra schwer, weil ich vom Weg abkam und einfach durchs Gestrüpp lief. Den normalen Weg ging ja jeder, und was jeder tat, gefiel mir selten.
Genauso wenig gefiel mir, dass die Menschen die Natur für so selbstverständlich hielten. Ich meine, wer machte sich schon Gedanken darüber, wie die Bäume um uns herum entstanden sind? Sie waren einfach da und mehr weiß keiner darüber. Wenn man die Leute darauf ansprach, zuckten sie bloß mit den Schultern und sahen einen komisch an, als wäre man nicht ganz dicht, weil man sich über solche Dinge Gedanken machte. Dabei müssen diese riesengroßen, dicken Stämme doch irgendwann einmal ganz klein und mickrig gewesen sein. Wer hatte diese Bäume in diesem Wald klein und mickrig gesehen? Wer hatte sie gepflanzt? Hatte sie überhaupt jemand gepflanzt, oder kamen sie von ganz alleine? Unsere Bäume im Garten waren nicht von alleine dort, da hatte Derek nachgeholfen, als ich längst noch nicht bei ihm gelebt hatte.
Wie alt wären diese Menschen heute, die diese Bäume klein und mickrig gesehen hatten, wenn sie noch leben würden? Wie schnell wachsen dünne und dicke Bäume? Wie lange leben sie, wenn sie vorher keiner abholzt, um sie im Kamin zu verbrennen, obwohl es auch im Winter weiß Gott warm genug bei uns in der Gegend war?
Kippen Bäume irgendwann um, wenn sie sterben? Oder kippen sie um, weil Termiten sie zerfressen?
Wo geht alles hin, wie lange bleibt es und wie ist es entstanden?
Diese Fragen sollten die Menschen sich öfter stellen. So etwas lernte nämlich niemand in der Schule. So etwas lernte man nur, wenn man sich dafür interessierte und gezielt danach fragte. Wenn man es wissen wollte.
Ich wollte es. Es war diese Art von Fragen, mit denen ich mich beschäftigte, wenn ich mal nicht mit dem Suchen nach Antworten auf mein eigenes verkorkstes Leben beschäftigt war.

Die Vögel zwitscherten in den Baumkronen und das Geäst knackte hin und wieder. Im Wald war es etwas angenehmer und die Sonnenstrahlen spielten sich wunderschön zwischen den Bäumen hindurch, sodass manch weit entfernter Busch golden schimmerte.
Die Natur war das einzige, was ich wirklich schön fand. Wenn in meiner alten Schule die Frage aufkam, was man schön fand, dann kamen meist solche oberflächliche Antworten wie ‚gut trainierte Körper‘ oder ‚lange blonde Haare‘ oder ‚Schuhe von Tory Burch‘. Wusste denn überhaupt noch jemand, was man unter dem Begriff Schönheit tatsächlich verstand? Natürlich fand ich auch den ein oder anderen Jungen schön oder das ein oder andere Kleid. Aber diese Schönheit war vergänglich und verbesserte nichts in einem und um einen herum. Doch die nächtliche Stille, das Mondlicht, das Plätschern eines Flusses oder das Summen der Bienen, das Duften der Blüten und der zarte Wind auf dem Gesicht - das war für mich die wahre und einzige Schönheit. Die Schönheit der Welt.
Mona Forester war auch eine derjenigen, die keine wahre Schönheit zu schätzen wussten, aber eine der wenigen von ihnen, die trotzdem ein gutes Herz hatten. In den letzten acht Jahren war sie sehr geduldig mit mir gewesen und hatte sich nie davor gescheut, ihre psychisch gestörte und extrem labile neue Pflegeschwester mit zu ihren kultivierten Freunden zu nehmen. Sie hatte viel für mich getan und war mir immer eine Stütze gewesen. Anfangs teilte sie mit mir sogar das Zimmer in der Nacht, damit ich nicht alleine war, wenn ich durch die Alpträume aufwachte und Angst hatte. An diese Zeit erinnerte ich mich zu gut und wahrscheinlich würde ich diesen Teil meiner Persönlichkeit niemals wirklich hinter mir lassen können. Der ganze Schmerz saß viel zu tief und es gab viel zu viel aufzuarbeiten, was meiner Meinung nach kein Psychiater in nur einem Leben schaffen konnte. Aber man hatte es trotzdem stetig versucht.
Nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch taumelte ich auf eine Lichtung zu. Der Klang einer leicht befahrenen Straße kam mir zu Ohren und ich hoffte, dass ich irgendwo ein Motel oder etwas Ähnliches finden würde, worin ich die nächste Nacht verbringen konnte. Ich sah mich kurz nach einem Ortsschild um, als auch der letzte Baum hinter mir lag, konnte aber nichts sehen, was darauf schließen ließ, wo ich mich befand.
Kurz bevor ich den Bürgersteig betrat, checkte ich noch einmal mein Handy. Ich hatte meinem Pflegevater Derek und auch Mona gesagt, dass ich nicht wollte, dass sie sich meldeten. Und es war überraschend und enttäuschend zugleich zu sehen, dass sie sich wirklich an die Abmachung hielten. Kein Anruf und keine Kurznachricht. Von niemandem. 
Ich betrat die Straße und steckte das Handy wieder in meine Hosentasche zurück. Auf einmal erregte im Augenwinkel etwas meine Aufmerksamkeit und als ich den Kopf wieder hob, sprang ich vor Schreck auch schon zur Seite, kippte samt meinem Gepäck um und knallte mit voller Wucht auf Ellbogen und Hüfte. Ich schrie auf vor Schmerz und verzog das Gesicht. Durch meine Knochen rasten Schmerzen und mein Herz schlug mir gegen die Brust, als würde es gegen eine Tür hämmern, hinter der es viel zu lange eingesperrt war.
Irgendjemand hechtete auf mich zu, mir wurde schwummerig und ein Ziehen und Brennen zog sich durch meinen Ellbogen, der bereits zu bluten begann.
»Oh Gott«, keuchte ich, unfähig mich zu bewegen. 
Ich konnte kein Blut sehen. Es machte mir Angst und wenn ich Angst hatte, wurde mir schrecklich übel. Vor meinen Augen tanzten schwarze Flecken und ich fühlte mich benommen.
»Hey«, rief jemand. »Geht es dir gut?« Ich blinzelte hektisch, war panisch und ausgelaugt zugleich. 
»Seh ich… etwa so aus?«, brachte ich angestrengt hervor und presste Luft aus meiner Lunge. Mein Kopf begann zu dröhnen, sodass ich die Oberlippe hochzog vor Schmerz. 
»Du hast Schmerzen«, stellte eine junge Männerstimme fest. Sie klang aufgeregt.
»Natürlich habe ich Schmerzen, ich blute«, sagte ich und dann ließ ich mich zurücksinken, bis mein Kopf auf dem heißen Asphalt lag und ich schloss die Augen, weil ich sowieso nur noch verschwommen sah. Ich versuchte krampfhaft nicht zu heulen, wusste aber nicht, ob es mir gelang. Der junge Mann ließ sich zu mir nieder und begann mich abzutasten und drehte mich währenddessen auf die unverletzte Seite.
»Ich rufe einen Krankenwagen«, schaltete sich plötzlich eine ruppige alte Männerstimme ein.  
»Nein, ich fahre sie ins Krankenhaus, alles andere würde viel zu lange dauern.«
»Aber…«
»Sie können ja hinterherfahren. Immerhin hätten sie sie beinahe umgebracht«, keifte der Jüngere. »Helfen sie mir bitte mal.«
Dann packten mich auf einmal mehrere Hände und trugen meine Gliedmaßen von der Straße weg. Meinen Arm hatte jemand aus der Schlaufe der Reisetasche gezogen. Die aufgeregten Stimmen hallten wie Echos in meinem Kopf nach. Ich musste immer wieder an das Blut denken, an all das Blut und es hinderte mich daran, die Augen wieder zu öffnen. Hinderte mich daran, einen klaren Kopf zu bewahren.
»Was ist passiert?«, fragte ich, als ich den Stoff von Autositzen unter meinem Körper spürte. Es roch aquatisch in dem Wagen, sicherlich ein Duftbaum. Vielleicht war es aber auch das Parfum dessen, dem das Auto gehörte. Ich versuchte mich auf den Geruch zu konzentrieren, weil er mich an meinen Vater erinnerte. Sein Rasierwasser hatte eine gewisse Ähnlichkeit gehabt, bildete ich mir jedenfalls ein.
»Du bist beinahe angefahren worden.« 
»Sie ist mir einfach vor das Auto gerannt, ich konnte nichts machen«, wehrte sich der ältere Mann, dessen Stimme sich von mir zu entfernen schien. Alles drehte sich.
»Ist ja gut!« Die Autotür wurde zugeschlagen und die Fahrertür geöffnet. Dann setzte sich jemand in den Sitz, das Auto wackelte kurz unter dem Gewicht und anschließend wurde der Motor angelassen. 
»Ich fahre dich ins Krankenhaus, in Ordnung? Es ist nicht weit von hier.« 
»Wer bist du?«, wollte ich erschöpft wissen.
»Ich bin Ryan Tamberley«, sagte er. »Und du?«
»Evelynne Stark.«
»Freut mich, Evelynne«, sagte er. »Hätten wir uns doch nur unter anderen Umständen kennengelernt.«
»Was hätte dir denn besser gefallen, Ryan?«, flüsterte ich und musste sogar ein ganz klein wenig lächeln, als ich auf seine Antwort wartete. Die Unterhaltung beruhigte meine Nerven und die Bilder in meinem Kopf begannen sich ein klein wenig - wenn auch längst nicht vollständig - aus meinen Gedanken zu lösen.
»Meine Schwester wurde vor zwei Jahren von einem Bus überfahren. Ich glaube, mir wäre jede andere Begegnung lieber gewesen.« 
Ich biss mir fest auf die Lippe, weil die Bilder umso stärker wieder auf mich einstürmten. Eine solche Antwort hätte ich nicht erwartet und mir auch nicht gerade gewünscht. Ich atmete tief durch und versuchte den Stich in meinem Herzen zu ignorieren.
»Ich kenne das Gefühl.«
»Was meinst du?«, fragte er zögernd.
»Das Gefühl, jemanden für immer zu verlieren.« 
Er schwieg. Genau wie ich. Es vergingen vielleicht Sekunden, vielleicht Minuten, ich konnte es nicht sagen. Aber dann fiel mir schlagartig etwas ein, was wichtiger war, als das Blut und Ryans tote Schwester und überhaupt alles andere auf der Welt.
»Halt!«, schrie ich und hievte mich nach oben. Ich klammerte mich an dem Sitz von Ryan fest und schrie noch mal, dass er anhalten sollte. 
»Wo sind meine Sachen? Wo ist der Bär?«
»Deine Sachen hat der Typ im Wagen, der dich fast angefahren hätte«, sagte Ryan schulterzuckend. Ich versuchte wieder ruhiger zu atmen und betrachtete zum ersten Mal Ryans Profil. Er warf mir einen kurzen Blick zu und sah mich beruhigend an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße lenkte.
»Ich hoffe, dass du recht behältst«, murmelte ich und ließ meinen Kopf gegen die Rückenlehne vor mir sinken.
»Leg dich lieber wieder hin, wir sind gleich da«, sagte Ryan. Seine Augen suchten mich noch mal. Sie waren ein Mix aus Grün und Blau und ich konnte nicht wirklich ausmachen, welche Farbe vorherrschend war. Er hatte eine Menge Sommersprossen über Nase und Wangen, aber seine Haare waren nicht rot. Zum Glück nicht. Auch rote Haare erinnerten mich an andere rote Dinge und die Haare meiner Mutter. Ryans Haare waren dunkelblond und leicht gelockt. Ein paar Strähnen lagen unordentlich in seiner Stirn. Sein Gesicht war etwas dreckig und ich sah an ihm herunter und erkannte, dass er Arbeitskleidung trug.
»Was arbeitest du?«
»Ich bin Maurer«, antwortete er und bog in eine Straße ein, die zum Krankenhaus führte. Das Krankenhaus war riesig und hatte Unmengen von Fenster und einen Balkon pro Etage. Es war in weiß gestrichen, wie so viele Krankenhäuser diese Eigenart besaßen. Ich fragte mich, wer sich dafür entschieden hatte, für dieses triste Weiß, dieses Nichts. Alle Patienten würden viel schneller gesund werden, wenn sie von lebensbejahenden, grellen Farben umgeben wären. Sollen sie es doch in einem Grasgrün streichen oder einem magischen Violett, das die Fantasie anregt. Ich mochte diese einfallslosen 0815 Menschen einfach nicht, die ein Haus in weiß streichen ließen.
»Du warst noch am Arbeiten?«, hakte ich nach einer Weile nach, während Ryan einen Parkplatz suchte, der so nah wie möglich am Eingang lag.
»Ja«, antwortete er und fuhr das Auto in eine enge Lücke. »Ich war gerade dabei ein Sandwich zu essen, als ich dich über die Straße fliegen sah.« 
»Kriegst du jetzt Ärger?«
»Ich denke, dieser Anlass wird meine Flucht entschuldigen«, sagte er und drehte sich lächelnd zu mir um. Ich lächelte zurück, ungewollt aber gezwungen. Seine Augen hatten etwas Freches, Schelmisches an sich, wenn er lächelte. Ein Glanzpunkt leuchtete darin auf und seine Grübchen ließen ihn so jung erscheinen, obwohl er mit Sicherheit älter war als ich. 
»Das ist gut«, flüsterte ich und grinste blöd.
»So, lass uns reingehen, damit deine Wunden versorgt werden.« Er wandte sich von mir ab und stieg aus dem Wagen. Kurz darauf wurde mir die Tür geöffnet und er half mir aus dem Auto heraus auf die Füße. Meine Beine fühlten sich noch etwas weich und unförmig an von dem Schock, aber ich konnte stehen, was mich sehr beruhigte.
»Da ist der Kerl ja schon«, sagte Ryan und nickte zu dem Wagen, der ein Stück entfernt von uns parkte.
»Dann krieg ich ja endlich meine Sachen wieder«, sagte ich und Ryan legte mir einen Arm um die Schulter.
»Die kriegst du, keine Sorge. Tut dir denn noch was weh?«
»Wenn ich jetzt nein sage, sind wir ganz umsonst hierher gefahren«, sagte ich und sah zu ihm auf.
»So oder so, ich lasse dich lieber einmal durchchecken. Du siehst sowieso schon so zerbrechlich aus.« 
Galt zerbrechlich jetzt zwangsläufig als schlecht oder unattraktiv? Wenn ja, sollte ich mir darum nicht so große Sorgen machen als um die Tatsache, dass mich das auf einmal interessierte. Die ganzen letzten Jahre verliefen bei mir ziemlich emotionslos und ich hatte vielleicht ein paar kurzweilige Bekanntschaften zuviel gehabt, aber an tatsächlicher Liebe oder Zuneigung hatte es mir sehr gefehlt. Ich war eben kein Fan von Freundschaften. Ich hatte einfach keine Lust für alle nur das arme Mädchen mit der psychisch kranken Mutter und dem ermordeten Vater zu sein, wenn ich mehr für sie sein wollte. Wenn ich einfach nur als Individuum gesehen werden wollte, als eigener Mensch. Die Vergangenheit oder die Tatsache, woher ich stamme, sollte den ganzen Menschen einfach egal sein.
»Du kennst mich nicht«, sagte ich barsch. Ryan sah mich an und erkannte die Ernsthaftigkeit in meinem Blick. Langsam nahm er seinen Arm von mir.
»Wie meinst du das?« Seine Augen wurden schmaler und zwischen seinen Augenbrauen erschien eine Falte.
»Wenn du denkst, ich sei zerbrechlich, dann weiß ich nicht, was du denken wirst, wenn ich dir erzähle, was ich schon alles erlebt habe.« Er sog seine Unterlippe ein und wir sahen uns in die Augen. »Du kennst mich nicht.« 


Die Sonne stand immer noch hoch am Himmel, als wir etwa zwei Stunden später das Krankenhaus wieder verließen. Ich hatte keine ernsten Verletzungen oder Prellungen. Mein aufgeschürfter Ellenbogen hatte ein fettes Pflaster bekommen und mir wurde ein Kamillebad dafür empfohlen. Ryan hatte die ganze Zeit über mit dem anderen Mann gewartet und nun nachdem dieser mir mein gesamtes Gepäck ausgehändigt und sich tausendmal entschuldigt hatte, saß ich wieder bei Ryan im Auto, dieses Mal vorne, meinen Honigbären auf dem Schoß.
»Wo kann ich dich hinbringen?«, fragte Ryan auf einmal und mir wurde schlagartig wieder bewusst, dass ich hier niemanden hatte. Meine Reise ging weiter.
»Lass mich einfach irgendwo raus«, sagte ich deshalb.
»Wie bitte? Wo wohnst du denn?«
»Etwa drei oder vier Stunden von hier?«, schätzte ich und zog eine Augenbraue nach oben.
»Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.« Ryan schüttelte den Kopf.
»Ich bin eine Reisende. Ich wollte weg von zuhause, etwas Neues erleben, etwas Neues sehen. Deswegen bin ich hier. Und wohin ich noch gehen werde, weiß ich noch nicht.« Ich zupfte an den Ohren meines Honigbärs und stellte fest, dass sich eine rebellische Naht gelöst hatte, die ich kurz vor der Abreise erst genäht hatte.
»Du brauchst einen Platz zum Schlafen«, stellte Ryan fest und sah meinen Händen zu, die am Faden spielten.
»Irgendwann schon«, stimmte ich ihm zu, ohne den Blick zu heben.
»Ich nehme dich erst mal mit zu mir«, sagte er und nun warf ich ihm einen skeptischen Blick zu. »Du kannst über Nacht bleiben und vielleicht kommst du ja zur Vernunft und läufst nicht noch weiter zu Fuß durch das Gelände und über Straßen, auf denen dich Autos überfahren, wo dir dann kein netterTyp wie ich zu Hilfe eilt.« 
Ich lachte. Lachen war eigentlich nichts Außergewöhnliches für mich. Obwohl ich jede Menge Scheiße am Haken hatte, die ich scheinbar niemals los wurde, hatte ich mit der Zeit wieder zu lachen gelernt. Aber jedes einzelne Mal, wo ich es tat, war etwas Besonderes für mich. Und das sollte es für jeden sein. Jedes Lachen bedeutet, dass man lebt. Dass man Freude empfinden kann. Man weiß, dass man überhaupt noch dazu fähig ist, etwas zu empfinden.
»Wohnst du denn allein?«, fragte ich und strich mir mein fahles Haar hinter die Ohren. Lang und ungekämmt ruhten die Spitzen auf meinen Schenkeln.
»Nein, ich lebe bei meinen Eltern. Ich war vor etwa vier Jahren bereits ausgezogen, aber als das mit meiner Schwester passiert ist, kam ich zurück. Ich wollte sie nicht alleine lassen.«
»Das versteh ich«, murmelte ich. »Es muss schwer für sie gewesen sein.«
»Für uns alle. Manchmal wage ich sogar zu glauben, dass es für mich viel schwieriger war, als für meine Eltern«, schnaubte er. An seinem Hals sah ich eine Ader hervortreten. »Ich habe sie mehr geliebt als mein Leben. Sie war mein Engel, mein Sonnenschein. Sie hat mir sehr viel bedeutet.« Ryans Lippen wurden zu einem schmalen Strich.
»Sag nicht hat.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust, als würde ich frieren. Eine Gänsehaut überkam mich, obwohl es draußen so heiß war, dass man ein Spiegelei auf dem Asphalt hätte braten können. 
Ryan sah mich fragend an.
»Nur weil sie gestorben ist, hat es doch nicht aufgehört. Sie bedeutet dir immer noch genauso viel wie vorher, oder etwa nicht?«
»Selbstverständlich«, nickte Ryan und sah mich mit offenem Mund an. »Aber klar doch.«
»Siehst du«, antwortete ich und schürzte die Lippen. »Deswegen sag nicht hat.«
Ryan sah wieder auf die Straße und auch ich betrachtete die Häuserreihen, die an uns vorüberzogen. Es schien ein idyllisches Städtchen zu sein, in dem ich gelandet war. Plötzlich fiel mir ein, dass ich nicht mal wusste, wo ich mich genau befand. Aber ich kam nicht mehr dazu zu fragen.
»So jemand wie du ist mir noch nie begegnet.« Ryan schüttelte den Kopf und umfasste das Lenkrad fester. Seine Unterarme wirkten stark, obwohl er an sich nicht sehr muskulös gebaut war. Er war einfach ganz normal, seinen Körper rein durch die Bauarbeit trainiert. 
»Da könntest du recht haben«, bestätigte ich und strich mir über das Handgelenk. »Obwohl ich mich nicht gern als etwas Besonderes bezeichne.«
»Magst du es nicht aufzufallen?«, fragte Ryan in einem Ton, den ich nicht einschätzen konnte. War er einfach nur neugierig oder überrascht? 
»Wenn mein Leben ganz normal verlaufen wäre, dann würde ich es vielleicht genießen, die Menschen auf mich aufmerksam zu machen oder sie mit irgendetwas zu beeindrucken. Aber wenn man beachtet, dass ich mein Leben lang nur auf meinen Lebenslauf reduziert worden bin, sehe ich davon ab, bemerkt zu werden.« 
»Du bist mir ein Rätsel. Was ist dir widerfahren, dass dich einerseits so weise und andererseits so weltfremd gemacht hat?« Ich hatte nicht erwartet, dass er aus meiner Aussage auch nur das Geringste zu deuten wusste.
Ich lachte leise auf. »Weltfremd? Woran machst du das fest, du kennst mich gerade mal ein paar Stunden?«
»Weltfremd im Sinne von anders. Du… bist sicher nicht älter als ich und klingst erfahrener als meine Urgroßmutter.« 
»Ich wollte dir nur sagen, dass ein Mensch einem nicht aufhört etwas zu bedeuten, weil er stirbt«, fuhr ich ihn an und drehte mich dann zum Fenster, die Arme immer noch fest verschränkt. Mein Honigbär saß auf meinem Schoß und kippte zur Seite, als Ryan um eine enge Kurve fuhr, und stieß sich den Kopf. 
Mittlerweile waren wir in einem Wohngebiet angekommen, das ziemlich beeindruckend aussah. Weiße große Häuser mit großen Fenstern und edlen Türen. Terrassen mit Liegestühlen und Tischen und wundervollen, hochgewachsenen Pflanzen. Je mehr Häuser ich sah, desto gespannter war ich auf Ryans Zuhause.
»So, wir sind da«, verkündete er und parkte den Wagen am Straßenrand. Ich wartete nicht, bis er mir die Tür öffnete, sondern stieg schon aus, bevor er selbst seinen Gurt abgelegt hatte. Meinen Bären klemmte ich mir unter den linken Arm, schloss die Tür und ging zum Kofferraum, um meine Tasche zu holen. 
»Sind deine Eltern auch damit einverstanden?«, hakte ich nach, nachdem auch er das Auto verlassen hatte. Er strich sich durch seine Haare und starrte zu einem Fenster hinauf. »Ryan?«
»Ja, natürlich. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Besuch habe.«
»Aber sicherlich bleibt da nicht jeder mit einer riesigen Reisetasche über Nacht.«
»Nein, das nicht, aber sie werden es verstehen. Lass uns reingehen.« Ich folgte Ryan zur Tür. Er nahm mir die Tasche ab und schleppte sie die paar Stufen hinauf zur Haustür. Das Haus war nicht so groß wie die anderen in der Straße, aber dennoch schön. Die Fenster waren auch kleiner und heimischer, als diese Schaufenster, die für Stalker das reinste Spielparadies darstellten. 
Ryan sperrte die Tür auf und wir betraten einen breiten Flur, der sofort einen Durchblick in eine geräumige Küche am Ende des Hauses bereitstellte. Links von uns lag eine Art Esszimmer und rechts war der Flur durch eine ellenlange Bücherwand abgetrennt. Dahinter lief ein Fernseher. 
»Ich stelle dein Zeug kurz hier ab. Gehen wir dich erst einmal vorstellen«, schlug Ryan vor und ich nickte. Zur Vorsicht setzte ich meinen Honigbären auf der Tasche ab und strich mir einige Male durch die Haare, damit sie glatt lagen. Ich wollte nicht den Eindruck einer Gestörten hinterlassen, die ich durch und durch war.
»Mum, Dad? Das hier ist Evelynne. Sie ist eine Freundin von mir und bräuchte eine Herberge für die Nacht.« Seine Eltern, die auf einem schwarzen Ledersofa saßen drehten sich zu uns um. Seine Mutter sah erschreckend jung und gut aus. Sie hatte hellblonde Haare, nicht gefärbt sondern echt, und grüne Augen. Ihre Lippen eröffneten ein freundliches Lächeln, welches ich nur erwidern konnte. Sein Vater hatte blaue Augen und braune Haare und sehr smarte und attraktive Gesichtszüge. Die beiden waren mir gleich sympathisch und es war kaum zu leugnen, dass Ryan ihr Sohn war. Er war eine perfekte Mischung aus den Vorteilen der beiden. 
»Hallo Evelynne. Ich bin Jennifer Tamberley. Es freut uns«, sagte die Mutter und der Vater nickte zustimmend.
»Freut mich ebenso. Aber eigentlich bin ich keine Freundin«, sagte ich ehrlich und verschloss die Hände vor meinem Bauch. »Wir haben uns gerade eben erst kennengelernt, unter sehr… enormen Umständen.«
»Ist etwas passiert?«, fragte Ryans Vater misstrauisch und kniff die Augen zusammen. Ich wusste, dass er kein normales Mädchen in mir sah. Meine Augenringe waren groß und ich war blass, viel zu blass für jemanden, der aus der sonnigsten Seite der Insel kam. Mit meinen Wanderklamotten sah ich wahrscheinlich spätestens seit nach dem Unfall aus wie eine Drogenabhängige.
»Sie wurde beinahe von einem Auto angefahren«, nickte Ryan und sein Vater plusterte die Wangen auf.
»Meine Güte!«, rief dieser aus und setzte sich gerader hin. Ryans Mutter schüttelte bestürzt den Kopf.
»Aber es ist alles in Ordnung, keine Sorge«, wehrte ich händeringend ab. »Ich möchte nur eine Nacht irgendwo unterkommen, um mir zu überlegen, wie es weitergeht.«
»Wie was weitergeht?«, fragte nun Ryans Mutter. Ihre Stimme war hell und sehr melodisch. Sie klang freundlich, aber es schwang auch Besorgnis mit, die mich etwas nervös machte.
»Nun ja, ich bin nur auf der Durchreise. Ich brauchte einfach mal Abstand von meinem Leben und wollte etwas anderes sehen. Einfach gehen und irgendwo ankommen.« 
»Interessant.« Ryans Vater begann amüsiert zu schmunzeln.
»Du wirst sehen Dad, sie ist etwas ganz Besonderes«, sagte Ryan und lächelte in die Runde.
»Ich glaube, das ist mir bereits aufgefallen«, sagte er und kratzte sich an den kurzen Bartstoppeln. »Also gut, du kannst gerne bleiben Evelynne, überhaupt kein Problem. Mein Name ist übrigens Nolan.«
»Ja, fühl dich wie zuhause«, fügte die Mutter hinzu und machte ein weitreichende Geste. »Ich wollte gleich mit dem Essen anfangen, ich hoffe du magst Schweinebraten und Klöße. Etwas ganz Klassisches.« 
»Ja, sehr gerne. Vielen Dank«, sagte ich erleichtert und warf Ryan einen unsicheren Blick zu. Er legte einen Arm um mich und schob mich aus dem Wohnzimmer heraus.
»Wir sind dann oben«, sagte er zu seinen Eltern. Sie nickten einverstanden und wandten sich wieder ihrem Fernsehprogramm zu. 

Als wir oben ankamen und ich mich in seinem geräumigen Zimmer umsah, in dem es ein Schlafsofa und ein richtiges Bett gab, einen weißen Glastisch und ein großes Regal mit allen möglichen Dingen darin, konnte ich kaum glauben, wie harmonisch hier alles war. So etwas hatte ich noch nie erlebt.
»Wie die beiden da sitzen, deine Mutter in einem so tollen hellgrünen Jogginganzug, der ihre Schönheit unterstreicht und dein Vater, ein Arm um sie gelegt, in einer schwarzen Jeans, beide ein Lächeln auf den Lippen, während sie fernsehen«, begann ich zu schwärmen.
»Geht es dir gut?«, war das einzige, was Ryan darauf erwiderte.
»Ich glaube ja«, sagte ich nickend. »Ich hab… so etwas nur noch nie gesehen.«
»Wie ist es bei dir zuhause?«
»In meinem jetzigen Zuhause ist es ganz ok. Aber es gibt keine Frau. Ich lebe bei meinem Pflegevater und seiner Tochter.«
»Weißt du, ich will dich nicht bedrängen mir etwas von deiner Geschichte zu erzählen, wo du mich doch gar nicht kennst. Also…« Er ließ sich auf sein Bett sinken, welches unter ihm zu wackeln begann.
»Du hast ein Wasserbett?«, lenkte ich erstaunt vom Thema ab.
»Ja.«
»Darf ich das mal ausprobieren? Also, darf ich mich mal setzen?«
»Aber klar, nur zu«, bot er mir an und rückte ein Stück nach hinten. Ich ging auf ihn und das Bett zu und drückte erst einmal mit der Hand in die Matratze. Dann setzte ich mich und ließ mich nach hinten fallen, die Arme ausgebreitet. 
»Wow, das ist echt cool!«, rief ich aus und grinste mit geschlossenen Augen. 
»Ja, ich mag es auch«, sagte Ryan und dann begann wieder alles unter meinem Körper zu wackeln, weil er sich neben mich legte. Wir verharrten, bis das Bett wieder still war und dann seufzte Ryan. Es klang nach einem nachdenklichen Seufzer, woraufhin ich das Bedürfnis hatte, diesen zu erwidern. Stattdessen rückte ich mit der Sprache raus.
»Mein Vater wurde ermordet.«
»Was?« Ryan riss seine blaugrünen Augen auf, die Augenbrauen wanderten erschrocken nach oben.
»Von meiner Mutter«, erzählte ich, ohne zu wissen, wieso. Es fühlte sich in dem Augenblick einfach richtig an.
Ryan schwieg daraufhin und schien die Worte auseinander zu pflügen, um sie zu realisieren. So was in der Art hatte ich jahrelang getan. Auseinander gepflügt, analysiert und doch keine Erklärung gefunden, die es entschuldigt hätte, was passiert war.
»Wie… wie hat sie das gemacht?«
»Sie hat ihn niedergeschlagen, oder besser gesagt niedergestochen«, sagte ich und musste erst mal kräftig schlucken. »Mit einem Fleischermesser. Und dann hat sie ihn in eine Truhe im Keller verfrachtet und jahrelang dort liegen lassen.« 
»Das klingt kaum so, als dass man es glauben könnte«, sagte Ryan ehrlich, schnaubte verächtlich und rückte sich auf dem Wasserbett zurecht.
»Ich wünschte, ich könnte es auch einfach nicht glauben.« Ich stützte mich auf die Ellbogen und Ryan rollte sich auf die Seite, um mich ansehen zu können. Unsere Blicke trafen sich kurz, aber ich merkte, wie unsicher ich war. Mir wurde richtig heiß im Nacken, wenn ich nur über damals nachdachte. Darüber zu reden war noch schlimmer.  
»Wieso bist du nicht von ihr weggegangen?«
»Ich war klein«, sagte ich schulterzuckend. »Und ich hatte Angst. Ich… ich wollte ihn nicht verlassen, glaube ich. Er war im Keller und in meiner Nähe und es dauert lange, bis ich mich aus eigener Kraft an das Jugendamt gewandt hatte.«
»Mir wird irgendwie komisch«, sagte Ryan flüsternd und räusperte sich. 
»Kein Wunder.«
»Ich will nicht, dass du denkst… ach, ich weiß nicht, was ich nicht will, dass du denkst. Ich…«
»Ist schon okay, Ryan, ehrlich«, sagte ich und wandte mich zu ihm. »Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden kalt lassen würde, wenn er Details aus meiner Vergangenheit hört. Ich bin jede erdenkliche Reaktion gewöhnt.«
»Ich weiß einfach nicht, was ich dazu sagen soll«, murmelte er.
»Du musst gar nichts sagen.« Ich schüttelte den Kopf und versuchte ein klägliches Lächeln.
»Was war deine Mutter für ein Mensch?«, wollte er wissen.
»Ich weiß es nicht«, murmelte ich und dachte einen Moment nach. »Ich habe immer das Gefühl, dass ich sie gar nicht kannte. Auch wenn ich jetzt an sie denke, fühle ich nichts.«
»Nicht mal Hass?« Ryan hing an meinen Lippen. Ich spürte seine Neugierde und eigentlich war es das, was ich an den ganzen Menschen da draußen hasste. Aber irgendwie konnte ich ihm deswegen nicht böse sein. Aus irgendeinem Grund wollte ich reden und er wollte zuhören.
»Nein«, sagte ich ehrlich. »Ich bin aber auch der Meinung, dass Hass einen Menschen nicht weiterbringt. Er verdirbt nur den eigenen Charakter. Und am Ende würde ich meiner Mutter vielleicht mehr ähneln, als es mir lieb wäre.«
»Okay, da hast du recht.«
»Sie war krank«, erzählte ich weiter. »Sie trank sehr viel und sie war eifersüchtig auf meinen Vater. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Er war für mich der wichtigste Mensch und das konnte sie nicht ertragen.«
»Es wäre sicher anders gewesen, wenn sie anders gewesen wäre, oder?«
»Ich schätze schon. Hätte sie mit dem Trinken aufgehört, wäre ich vielleicht lieber mit ihr zusammen gewesen.« 
Ich rollte mich nun auch auf die Seite und Ryans Gesicht war nunmehr einen halben Meter von mir entfernt. Seine Augen wirkten so klar und trotz der kühlen Farbe herzlich. An seinem Kinn waren kleine Bartstoppeln zu sehen, über die ich zu gern drüber gestrichen hätte. 
»Was hat es mit diesem Bären auf sich? Ich muss gestehen, im ersten Moment dachte ich, du wärest bescheuert.«
»Das bin ich sicherlich auch irgendwie«, sagte ich grinsend, den Kopf in die rechte Hand gestützt. »Den Bären hat mir mein Vater zu meiner Geburt geschenkt und er ist das letzte, was mir von ihm geblieben ist.« 
»Okay«, sagte Ryan bloß. Er schwieg und schürzte die Lippen, löste den Blick von mir und wanderte damit an mir herab. Dann hob er plötzlich seine rechte Hand und berührte meine Finger. Er tippte die einzelnen Knochen nacheinander an, beiläufig. 
»Und ich dachte immer, ich hätte viel Scheiße am Bein kleben.« 
»Es gibt immer irgendjemanden, der schlimmer dran ist«, sagte ich und musste kräftig schlucken. Seine Berührungen machten mich nervös und ich folgte seinem Zeigefinger mit den Augen.
»Willst du nicht mal deinen Chef benachrichtigen?«, flüsterte ich. 
»Nein, die Schicht wäre sowieso schon vorbei. Er kann sich denken, dass es im Krankenhaus sicher länger gedauert hat.« 
»Du scheinst ein gutes Verhältnis zu deinem Chef zu haben«, sagte ich und schmunzelte. Dann wagte ich mich ihm wieder in die Augen zu blicken und seine Hand begann neben der meinen zu ruhen. 
»Ja, wir verstehen uns ganz gut«, sagte er und grinste. »Also, keine Sorge.« 
»Was machen wir heute noch?«, fragte ich und versuchte die Gedanken an die Vergangenheit zu verscheuchen und den Druck in meiner Brust, den sie hinterlassen hatten.
»Ich weiß nicht, worauf hast du Lust?« 
Ich zuckte mal wieder mit den Schultern und dachte darüber nach, was man eigentlich tun konnte. Mein Leben lang hatte ich immer nur das Gleiche getan, so lange, dass ich nicht mal wusste, wie andere ihre Freizeit verbrachten, während ich zuhause oder bei irgendwelchen Bekanntschaften saß und versuchte nicht zusammenzubrechen. 
»Du bist die erste, der ich einfach so von meiner Schwester erzählt habe«, sagte Ryan auf einmal. »Ich rede normalerweise nicht darüber.«
»Ich habe vorher auch noch nie jemandem von mir erzählt. Selbst bei meinem Pflegevater wurde das Thema aus Prinzip nicht zur Sprache gebracht.«
»Was hat das bloß zu bedeuten?«, fragte Ryan und ein schelmisches Grinsen stahl sich auf seine Lippen. Ich grinste zurück und legte mir mein Haar hinter die Schulter.

»Vielleicht gar nichts, vielleicht alles.« Ryan sah mich an, als würde ich noch etwas sagen wollen. Aber ich sagte nichts, sondern ließ ihn darüber nachdenken, was nichts und was alles war und ob es dazwischen etwas gab, das wirklich Bedeutung hatte.












Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen