Kurzgeschichten





THE BROKEN LIGHT

Immer wieder laufen die Bilder vor meinen Augen ab. Bilder, die mich in den Wahnsinn treiben würden, wenn ich noch fühlen könnte. Wenn ich noch klar denken könnte. Doch das einzige, was in mir herrscht, ist Leere. Eine schreckliche Leere, die mich auszehrt, die mich einsam macht und die mir jede Kraft aussaugt. Wie ein leeres Blatt Papier sitze ich im Kerzenlicht. Puste sie aus, atme den Duft des ausgebrannten Dochts ein, zünde sie wieder an und schaue der Flamme beim Tanzen zu. Ich bin unbeschrieben, weil nichts mehr da ist, was mich ausmacht. Nur wenn er da war, wurde ich gesehen. Nur wenn er da war, fühlte ich mich lebendig. 
   
     Für jeden Menschen gibt es den einen, der alles verändert. Der eine, der dir das gibt, was dir sonst niemand geben kann. Der eine, der dein Puzzle vervollständigt. Mir war immer klar, dass dieses Puzzle zerbrechlich war. Dass es immer passieren kann, dass ein Teil verloren geht. Vielleicht nur ein Teil am Rande. Doch vielleicht genau das Herzstück des Bildes. Bei mir ist es so gewesen. Bei mir war es das Herzstück, das verloren ging. Ich kann versuchen dieses letzte Stück ersetzen, sodass mein Bild wieder vollständig ist. Doch selbst wenn es am Ende fast identisch aussieht, wie vorher, wird es niemals identisch sein. Einen Menschen kann man nicht ersetzen, egal wie ähnlich man sich ist. Es gibt immer Unterschiede.
 Wer hätte erwartet, dass das Licht auf der Landstraße brach. Wer hätte erwartet, dass ich ihn nie mehr wieder sehe. Wie oft habe ich gedacht, wie es wäre, wenn er einfach nicht mehr käme. Ich habe diesen Gedanken immer schnell weggeschoben, weil er so wehtat. Doch jetzt ist es wirklich so, er kommt nicht mehr zurück. Und dieses Wissen lässt sich nicht mehr wegschieben. Denn jedes Mal, wenn ich aufwache, sehe ich sein Gesicht vor mir. Und dann wird mir doch wieder klar, dass ich alleine bin. Dass er tot ist. Jeden Morgen werde ich den gleichen Schmerz fühlen. Jeden Morgen werde ich irgendjemanden dafür hassen, dass er lebt. Weil er es nicht mehr tut.
   
     Man versucht daran zu glauben, dass der Schmerz irgendwann vergeht. Das Leben geht weiter und man selbst darf nicht stehenbleiben. Doch wie gerne würde ich es tun, einfach weil ich diesen Menschen geliebt habe. Wie lange dauert die Suche nach dem Sinn? Dem Sinn, wieso ich leben sollte, ohne ihn. Eine Frage, die mich innerlich zerfleischt. Eine Frage, die ich mir gerne beantworten würde, aber nicht kann.
   
     Und wieder dieses Bild von der Landstraße. Die Lichter brechen in der Dunkelheit, als das Auto sich um den Baum wickelt. Ich sehe, wie er in die Sitze gepresst wird, erdrückt von dem Metall, dass sich in sein Fleisch frisst. Ich spüre den winzig kleinen Schockmoment, in dem er nicht mal gewusst hat, dass es zu Ende geht. Ein so kleiner Moment, der keine Zeit gibt, sich damit abzufinden, dass man stirbt. Der Moment ist so kurz, dass man es selbst nicht realisieren kann.
   
     Als ich an der Unfallstelle stand, zum ersten Mal, kurz danach, war alles so unwirklich. Ich konnte nicht weinen. Ich konnte bloß zittern. Zittern und schreien, zittern und schreien, bis die Hysterie und der Trauerschlag in meinem Herz mir die Tränen in die Augen zwangen. Und sie strömten über mich ein und meine Welt zerbrach. Ich zerbrach in ihr. Alles um mich herum ging in dunklem Schwarz unter. Es blieb nichts mehr übrig, außer windende Schatten, die von nun an mein Leben regieren würden. Keine Worte können diesen Moment beschreiben, wie es war, ihn zu verlieren. Doch ich weiß, dass ihr mich versteht, wenn ihr diese Zeilen lest.
   
    Ich kann nicht ohne ihn leben. Ich schaffe keinen Schritt zur Tür, keinen Schritt aus meinem Bett. Ich hasse alles, weil mich alles an ihn erinnert. Die Werbungen im Fernsehen, über die wir gelacht haben. Die Sendungen, die wir gemeinsam geschaut haben. Meine Haare, die er angefasst hat, ich hasse meine Lippen, die er geküsst hat. Wie soll ich damit leben, ohne jeden Tag innerlich zu sterben?
   Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr. Ich beende es hiermit und folge dem Weg, der mir alles nehmen wird, aber gleichzeitig all das schenken wird, was mir fehlt.

Adieu.


© Sarah Jordan





LITTLE ANGEL

Es war ein sonniger Tag, als ihre Mutter gestorben war. Das wunderte niemanden, denn egal was geschah, sie hatte immer ein Lachen auf dem Gesicht getragen. Doch irgendwann raffte sie ihre Krankheit dahin. Ein trauriger Moment für ihre Kinder, doch ganz besonders für die kleine Sally. Sie war noch so klein, so hilflos in der großen Welt. Ihr Vater lebte nicht mehr bei ihnen. Genau genommen hatte sie ihn nie kennengelernt. Sally musste alleine bei ihrem erwachsenen Bruder leben.
Als sie eines Abends vor dem Fernseher saß und Papierblumen bastelte, die sie sich über das Bett kleben wollte, kam ihr Bruder Ray mit seiner Freundin Jona nach Hause. Jona mochte Sally nicht und Sally konnte Jona ebenfalls nicht ertragen. Denn auch wenn sie  noch so klein war, wusste sie, dass Jona ihren Bruder mit allen Mitteln für sich gewinnen wollte. Doch Sally war sich sicher, dass ihr Bruder sie nicht im Stich lassen würde. Sie hatte schließlich nur noch ihn.
     »Na du kleine Ratte? Geh vom Fernseher weg«, scheuchte sie Sally weg und nahm ihren Platz auf dem Sofa ein. Sally lief zur Treppe, hielt kurz inne, schaute zu ihrem Bruder herüber, der seine Jacke im Flur an den Haken hing. 

     »Sag mal, was muss ich tun, damit du mich magst?«, fragte Sally Jona leise und schaute sie an. 
     »Lern fliegen wie ein Engel und verschwinde zu deiner Mutter«, sagte Jona leise. Dann fing sie hysterisch an zu lachen.  Sally rannte gekränkt die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf.

Am nächsten Morgen schwänzte Sally die Schule und ging zum Meer. Dicht an ihrem Haus waren die steilen Klippen, an denen ihr ihre Mutter immer verboten hatte zu spielen. Es sei zu gefährlich für kleine Kinder, hatte sie immer gesagt. Aber nun stand Sally dort, ganz dicht am Abgrund und schaute in die Tiefe. Auf einmal machte ihr das gar keine Angst mehr. Sie wusste, dass wenn sie jetzt springen würde, ihre Mutter sie auffangen würde. Sie würde wie ein Engel in ihre Arme gleiten und ihr Lächeln sehen, dass ihr kleines Herz berührte.
     Sally machte mich zum Sprung bereit, breitete ihre Arme zum Fliegen aus, und sprang. Sie spürte den Wind heftig auf ihr Gesicht peitschen, ihre Haare flogen umher und ihr Verstand versagte, ehe sie auf dem Wasser aufprallte und ihr Bewusstsein verlor, im tiefen Meer ertrank.
Am Nachmittag saß Sallys Bruder mit seiner Freundin Jona am Küchentisch, als es an der Tür klopfte. Als er öffnete standen zwei Polizisten da und erklärten ihm so gefühlvoll wie möglich, dass sie am Vormittag eine Mädchenleiche angespült am Strand gefunden hatten. Der eine Polizist sagte, dass das Mädchen Sally war. Seine kleine Schwester. 

     Mit Tränen in den Augen stand er da, drohte fast umzukippen. Er fing an zu schreien und brach vor der Tür zusammen. Jona wollte ihn trösten, doch er stieß sie weg. Er stand plötzlich auf und stieß sie so fest, dass sie die Treppenstufen am Eingang hinunterflog, dann warf er ihr ihre Handtasche hinterher. »Ich will dich nie wieder sehen. Das ist alles nur deine Schuld. Es waren deine Worte, dass sie an der Klippe fliegen lernen würde. Nur deine«, brüllte er und der eine Polizist versuchte ihn zu beruhigen, während Sally ihrem Bruder von oben zusah und es zu regnen begann, weil sein kleiner Engel im Himmel weinte.


© Sarah Jordan




DAS LEUCHTEN IN DER NACHT

Eine Kugel schoss Lilly genau am Kopf vorbei, als sie ihre kleine Schwester June aus dem Kanal zog. Der stürmische Regen prasselte auf die beiden ein und ihre letzten Klamotten klebten an ihren dürren Körpern. Lilly versuchte schneller zu rennen, aber June machte es ihr unheimlich schwer. Die Straßenlaternen trugen keine Lichter, nur die kleine Taschenlampe spendete Trost.
   Auf den ersten Blick schien die Nacht ruhig, aber die beiden konnten die Gefahr fast riechen. Ab und an hallte von weither ein Schuss durch die Stadt und June zuckte jedes Mal wieder in sich zusammen. Lilly hielt ihre Tränen zurück, so gut sie konnte. Doch irgendwann fiel ihr auf, dass ihre kleine Schwester durch den Regen auf ihrem Gesicht nicht sehen konnte, dass sie vor Angst weinte. Und dann tat sie es.
   Sie war sich nicht sicher, ob sie diese Nacht überleben würden. Und selbst wenn die Männer sie nicht töten würden, hätten sie kein Leben mehr. Viele Menschen sind auf den Straßen Denvers gestorben. Weil sie anders waren, so wie wir. Sie zwangen die Alten zur Arbeit, und wenn sie nicht mehr konnten, wurden sie erschossen. Zu nichts nütze, hatten sie geschimpft. Immer wieder, immer lauter. Sie hatten nicht aufgehört.
   »Komm June, versuch zu laufen«, flüsterte Lilly ihrer Schwester zu und sah in die dunkelgrauen Augen eines blonden Mädchens, das sich in einem bloßen Nachthemd durch die Straßen kämpfte. Die kleine riss sich von Lilly los und verlor das Gleichgewicht, stürzte rückwärts in eine große Einbuchtung in dem Gemäuer der riesigen Mietshäuser.
   »Lilly? Was ist das?«, begann June panisch zu kreischen und achtete nicht mehr auf die Lautstärke ihrer seidigen Stimme. Lilly kniete sich neben sie und tastete alles um sie herum ab. Und dann fühlte auch sie dieses unglaublich menschliche Gebein unter ihren Fingern. Schnell knipste sie das Licht der Taschenlampe an und entdeckte eine Leiche, deren Blut sich vom Körper verabschiedet hatte und eine Einheit mit dem Regen bildete. June begann zu weinen und hysterisch zu atmen, während sie schon die Schreie der Männer hörte, die sie verfolgten. Nur weil sie Juden waren, nur weil sie anders waren, würden sie getötet werden.
   Lilly ergriff die letzte Chance und zerrte ihre kleine Schwester auf die Füße. Ohne zu zögern nahm sie diese auf den Arm und rannte mit ihr davon. Wieder hallten Schüsse, und diesmal waren sie in dichter Nähe. Fast waren sie die einzigen Menschen in der Dunkelheit, und trotzdem war es für sie nicht einfach, ein geeignetes Versteck zu finden.
   Lilly rannte und versuchte krampfhaft und mit heftigem Atmen das Tempo zu halten. Nach kurzer Zeit bogen die beiden in eine schmale Gasse ein, in der Dunkelheit und Stille herrschte. Lilly setzte sich mit June zwischen zugebundene alte Müllsäcke, in der Hoffnung, dass sie dort erst einmal in Sicherheit waren.
   »Lilly, ich hasse die Dunkelheit. Sie wird mich immer an diese Zeit erinnern«, sprach June mit Tränen in den Augen. Ihre nassen Haare klebten in ihrem kleinen Gesicht und sie zitterte vor Kälte. Lilly nahm sie in den Arm und gab ihr Halt.
Sie dachte viel darüber nach, was sie dieser kleinen Person mit auf den Weg geben sollte, und wie lange sie ihren Rat noch befolgen könnte. Doch sie sagte, was in ihrem Herzen war.
   »Diese Taschenlampe wird immer dein treuer Begleiter sein. Selbst wenn die ganze Welt in Dunkelheit versinkt, wirst du immer ein Licht bei dir tragen, das dir den rechten Weg weist«, sagte Lilly zu June und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, hielt ihren Kopf fest in beiden Händen und grub die Fingerkuppen in ihre durchnässten Haare. June brachte daraufhin ein Lächeln auf die Lippen und betätigte den Knopf der Taschenlampe.
»Auf das uns das Licht den rechten Weg weist«, bat June mit geschlossenen Augen, kurz bevor die Männer mit den Gewehren die Gosse stürmten und die beiden unsanft aus dem Berg von Müllsäcken zerrten...


© Sarah Jordan





Kommentare:

  1. Hammer. Deine Kurzgeschichten sind alle ganz toll, aber doch sehr heftig und stellenweise sehr traurig. Aber trotzdem sehr gut, wie ich finde. Weiter so.

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    1. Hallo, Bea.

      Ich bin eben ein sehr tiefgründiger Mensch und möchte nicht wie viele andere Menschen nur an der Oberfläche kratzen. Ich möchte erreichen und berühren. Freut mich sehr zu hören, dass die Geschichten dir gefallen!!

      Ganz liebe Grüße. (:

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